Die zunehmende Komplexität moderner Elektronikfertigung erfordert eine lückenlose Orchestrierung zwischen cyber-physischen Systemen, Hardware-Sensorik und übergeordneten Steuerungsebenen. Die ASYS Group, spezialisiert auf Automatisierungs- und Handling-Lösungen für SMT-Linien (Surface Mount Technology), Life Sciences und Energy, begegnet diesen Herausforderungen mit der Einführung einer neuen Software-Plattform parallel zur nächsten Maschinengeneration GenS. Ziel ist es, isolierte Fertigungsinseln in eine interoperable, datengetriebene Fertigungslandschaft zu transformieren.
Architekturprinzipien: Vom Handling-Standard zum vernetzten Shopfloor
Traditionell deckt das Unternehmen rund 75 Prozent einer standardisierten SMT-Linie ab – von der Leiterplatten-Zuführung über Druck- und Markierungssysteme bis hin zur Qualitätsprüfung. Die neue Plattform fungiert hierbei als zentraler Integrations-Layer. Technisch stützt sich ein modernes Shopfloor-Ökosystem typischerweise auf offene Standards wie OPC UA und den IPC-HERMES-9852-Standard für M2M-Konnektivität:
- Deterministische Liniensteuerung: Horizontale Kommunikation zwischen Maschinen (IPC-HERMES) ersetzt proprietäre SMEMA-Schnittstellen zur boardbezogenen Übergabe von Telemetriedaten.
- Vertikale Integration: Aggregation von Prozessparametern über OPC UA Companion Standards (z. B. PackML oder for Machinery) in Richtung MES (Manufacturing Execution Systems) und Cloud-Backends.
- Event-Driven Processing: Skalierbare Nachrichtenbroker verarbeiten Telemetrie-Streams in Quasi-Echtzeit, um Rüstzeiten und Fehlerraten zu minimieren.
Integration von Edge-Computing und Künstlicher Intelligenz
Nach Angaben von CEO Jürgen Ries treibt vor allem die Integration künstlicher Intelligenz die Weiterentwicklung industrieller Prozesse an. Auf Architekturebene bedeutet dies den Einsatz von Edge-Inferencing direkt an der Linie. Bildverarbeitungsdaten optischer Inspektionssysteme (AOI) oder Schablonendrucker werden direkt an lokalen Edge-Knoten ausgewertet. Hierdurch lassen sich Latenzen im einstelligen Millisekundenbereich realisieren und Bandbreiten im Unternehmensnetzwerk schonen.
// Beispielhafte Konfiguration eines OPC UA PubSub Endpoint für Prozessparameter
{
"EndpointUrl": "opc.tcp://edge-gateway.factory.local:4840",
"PublishingIntervalMs": 50,
"DataSetWriter": {
"Name": "GenS_ProcessTelemetry",
"Fields": [
{ "Name": "ConveyorSpeed", "Type": "Double" },
{ "Name": "AlignmentOffsetUm", "Type": "Float" },
{ "Name": "AnomalyScore", "Type": "Float" }
]
}
}Trade-offs: Autonome Fertigung vs. Integrationskomplexität
Für Software-Architekten und Industrial-IT-Teams eröffnet der Übergang zu autonomen Shopfloor-Lösungen erhebliche Potenziale, wirft jedoch handfeste architektonische Fragestellungen auf:
- Latenz vs. Datenkonsistenz: Hochfrequente Regelkreise müssen deterministisch auf Controller-Ebene (SPS/IPC) verbleiben, während historische Analysen für Predictive Maintenance in verteilten Timeseries-Datenbanken asynchron verarbeitet werden.
- Heterogenität des Maschinenparks: Brownfield-Anlagen verfügen selten über einheitliche Protokolle, wodurch zustandsbehaftete Middleware-Gateways zur Protokollübersetzung erforderlich werden.
- Cybersecurity nach IEC 62443: Die zunehmende Vernetzung ehemals isolierter OT-Segmente mit IT-Plattformen verlangt konsequente Mikrosegmentierung, Zero-Trust-Konzepte und granulare Zugriffskontrollen auf API-Ebene.
Die Kombination aus hardwareseitiger Modularität und einer horizontal integrierten Software-Architektur markiert einen notwendigen Schritt hin zur resilienten Smart Factory, in der Datenströme vom Sensor bis zum Steuerungssystem transparent fließen.
