Anatomie eines Supply-Chain-Angriffs auf Cloud-Identitäten
Sicherheitsanalysten dokumentieren einen schwerwiegenden Zwischenfall im Ökosystem von Managed Service Providern (MSPs): Durch kompromittierte Zugangsdaten einer ConnectWise-Instanz gelang es nicht identifizierten Angreifern, sich unberechtigten Zugriff auf mindestens 173 Microsoft-365-Tenants von Mandanten zu verschaffen. Dieser Vorfall illustriert drastisch das inhärente Risiko delegierter Administrationsrechte (Delegated Administrative Privileges, DAP) sowie modernerer Granular Delegated Admin Privileges (GDAP), wenn vorgeschaltete RMM- (Remote Monitoring and Management) und PSA-Plattformen kompromittiert werden.
Vom Service-Desk-Account zur lateralen Tenant-Bewegung
Der Angriffsvektor beruhte primär auf gestohlenen oder unzureichend abgesicherten Zugangsdaten, die über Schnittstellen zu Microsofts Partner Center verfügten. In vielen MSP-Architekturen sind Service-Desk-Automatisierungen und Helpdesk-Lösungen wie ConnectWise ScreenConnect oder PSA direkt mit OAuth2-Enterprise-Applikationen im Azure AD (Entra ID) verknüpft. Fällt ein solches administratives Dienstkonto in die Hände unbefugter Akteure, vererben sich die Zugriffsrechte nahtlos auf die über die Partner-Beziehung angebundenen Kunden-Tenants. Angreifer nutzen diese Schnittstellen gezielt für Reconnaissance, das Auslesen von Global-Administrator-Rollen und die Extraktion von Mailbox-Inhalten via Microsoft Graph API.
# Beispiel zur Identifikation risikoreicher delegierter Berechtigungen via Microsoft Graph PowerShell
Connect-MgGraph -Scopes "DelegatedPermissionGrant.Read.All", "Application.Read.All"
# Auditierung aller delegierten OAuth2-Permissions in Entra ID
Get-MgServicePrincipal -Filter "appId eq 'connectwise-client-id-here'" |
Select-Object DisplayName, AppId, ServicePrincipalType |
ForEach-Object {
Get-MgOauth2PermissionGrant -Filter "clientId eq '$($_.Id)'"
}Technologische Schwachstellen: Persistenz über GDAP und Graph API
Nach der initialen Authentifizierung etablieren Angreifer typischerweise Persistenzmechanismen, um auch bei Passwort-Resets oder Session-Revocations handlungsfähig zu bleiben. Dazu zählen:
- Erstellung zusätzlicher App Registrations: Einschleusen von Enterprise Apps mit API-Berechtigungen wie
Mail.ReadWriteoderUser.ReadWrite.All, versehen mit langlebigen Client Secrets. - Bypass von Multi-Faktor-Authentifizierung (MFA): Fehlende Conditional-Access-Policys auf Legacy-Partner-APIs oder fehlendes Phishing-resistentes FIDO2 ermöglichen Session-Hijacking via Adversary-in-the-Middle (AiTM)-Proxies.
- Missbrauch des Service Management: Ausnutzen automatisierter Ticketing-Integrationen, um PowerShell-Befehle oder Exchange-Online-Transportregeln unbemerkt zu manipulieren.
Härtungsmethoden für Multi-Tenant-Architekturen
Um Kaskadeneffekte dieser Art effektiv einzudämmen, müssen Cloud-Architekten und IT-Sicherheitsverantwortliche das Prinzip der geringsten Berechtigungen (Least Privilege) strikt auf Partnerbeziehungen anwenden. Das bedeutet in der Praxis:
- Vollständige Ablösung von DAP durch GDAP: Delegierte Volladministrationsrechte müssen terminiert und durch rollenbasierte, zeitlich limitierte GDAP-Zuweisungen ersetzt werden, die regelmäßigen Access Reviews unterliegen.
- Entra Privileged Identity Management (PIM): Administrative Partner-Rollen dürfen niemals permanent aktiv sein, sondern erfordern Just-in-Time (JIT)-Aktivierungen inklusive Genehmigungsworkflow.
- Conditional Access für Partner-IDs: Erzwingen von standortbezogenen Richtlinien, IP-Whitelisting für API-Aufrufe und obligatorischer Einsatz von MFA-Schlüsseln gemäß FIDO2/WebAuthn.
- Tenant-übergreifendes SIEM-Monitoring: Zentralisierte Auswertung von Unified Audit Logs (UAL) via Azure Event Hubs oder Entra ID Diagnostic Settings zur Erkennung anomaler Massen-Logins über Partner Center-APIs.
Der Vorfall verdeutlicht unmissverständlich: Die Sicherheitsarchitektur eines MSP ist untrennbar mit dem Risikoprofil seiner Kunden verbunden. Ohne kontinuierliche Auditierung delegierter Schnittstellen und Zero-Trust-Prinzipien auf Identity-Ebene bleibt das Vertrauensverhältnis im Partner-Ökosystem ein primäres Ziel raffinierter Angriffsvektoren.
